In der Reiterwelt ist das Thema “zu dünnes Pferd” immer wieder heiß diskutiert. Viele Pferdebesitzer bekommen große Angst, wenn Ihr Pferd augenscheinlich abnimmt oder schlecht zunimmt. Da ein Pferd nicht einfach immer und überall gewogen werden kann, muss man sich ein Stück weit auf den äußeren Eindruck verlassen. Dieser ist natürlich meist subjektiv. Man sollte sich deshalb zunächst intensiver damit beschäftigen, wie man den Ernährungszustand eines Pferde richtig beurteilt. Dazu wurde wissenschaftlich eine Methode entwickelt.

Body Condition Scoring System

Dieses Pferd ist minimal übergewichtig.

Das Henneke horse body condition scoring system wurde 1980 an einer Universität in Texas entwickelt. Dieses ist in einer Skala von 1 – 9 unterteilt und betrachtet sechs verschiedenen Zonen des Pferdes, um ein Gesamtbild zu erhalten. Während ein Pferd in Kategorie 1 extrem unterernährt ist, zeigt das Pferd in Skala 9 eine deutliche Verfettung. Optimalen Zustand hat ein Pferd mit der Bewertung 5-6, während Galopprennpferde, Fohlen und Jungpferde auch bei 4-5 noch nicht zu dünn sind. Gerade Jungpferde ändern sich durch Wachstumsschübe häufig im Erscheinungsbild und die körperlich Entwicklung weit später abgeschlossen als mancher Pferdebesitzer denkt. Dies muss man bei der Beurteilung mit in Betracht ziehen. Insbesondere bei Kaltblutrassen, zu denen auch der Noriker gehört, ist es sogar kontraproduktiv, wenn die Pferde im Wachstum schon extrem viel Gewicht haben. Ähnlich wie bei großen Hunderassen, kann sich das auf Sehnen und Gelenke negativ auswirken.

Fohlen und heranwachsende Pferde dürfen bzw. sollten etwas schlanker sein als erwachsene Pferde. Distanzreitpferde (BCS 4 bis 5 und Vollblut- sowie Sportpferde dürfen auch etwas dünner sein (BCS 5). (Quelle: Natural Horse Care)

Die BCS-Skala im Detail

Beurteilt werden folgende Zonen am Pferd. Um der Skala 5 zu genügen müssen diese Kriterien erfüllt sein:

A Mähnenkamm/Hals: Seitenfläche leicht konvex, ca. 4 cm Kammfett
B Widerrist: Dornfortsätze erscheinen abgerundet, 8. Rippe fühlbar, Haut leicht verschiebbar
C Lendenbereich: karniale Kante rund, dorsaler Hüfthöcker leicht prominent, Kruppe rund und/order herzförmig
D Schweifansatz: Innenschenkel berühren sich, Schweifansatz leicht schwammig,
E Rippen: nicht zu sehen aber leicht zu ertasten, Haut leicht verschiebbar
F Schulter: Spina zu erahnen, Rücken ist eben (keine Kanten), Schulter und Hals laufen in den Körper über

Wir nehmen als Beispiel drei Jungpferde der Noriker Ranch, um deren Ernährungszustand über die Skala zu beurteilen. Die Fotos sind heute spontan und zu diesem Zweck entstanden (die Pferde wurden nur mäßig geputzt, es sind keine Boxenpferde!).

 

 

Twini Vulkan (*2017)

STK: 1,46 m

Twini ist schon recht groß für sein Alter und altersgemäß überbaut. Seine Kruppe ist rund und die Innenschenkel liegen aneinander. Die Rippen sind nicht zu sehen aber durch das sehr flauschige Fell zu erfühlen. Seine Haut ist leicht verschiebbar. Hals, Widerrist und Rücken laufen ineinander über. Am Mähnenkamm hat er ca. 3-4 cm Fettpolster. Der dorsale Hüfthöcker ist leicht prominent. Der Rücken hat keine Kanten. Im Gesamteindruck ein großer Absetzer, der in die Skala 5 passt und weder zu dünn noch zu dick ist.

Twini lebt im Offen/Aktivstall mit anderen Hengsten und Wallachen. Ist wurmfrei und bekommt ca. 20 kg Heu/Tag plus Mineralien. Derzeit erhalten die Jungpferde zusätzlich noch 1-2 Mal täglich Kraftfutter ink. Hanfsamen für das Immunsystem.

Gino Diamant (*2017)

STK: 1,43 m

Gino ist ein sportlicher junger Noriker und ebefalls gerade durch das Wachstum überbaut. Seine Kruppe ist herzförmig und die Innenschenkel liegen aneinander. Die Hinterhand ist sehr gut bemuskelt. Die Rippen sind nicht zu sehen aber durch das Fell zu erfühlen. Seine Haut ist leicht verschiebbar. Hals, Widerrist und Rücken laufen ineinander über. Am Mähnenkamm hat er ca. 4 cm Fettpolster. Der dorsale Hüfthöcker ist leicht prominent. Der Rücken hat keine Kanten. Im Gesamteindruck ein Absetzer, der in die Skala 5 passt und weder zu dünn noch zu dick ist.

Gino lebt im Offen/Aktivstall mit anderen Hengsten und Wallachen. Ist wurmfrei und bekommt ca. 20 kg Heu/Tag plus Mineralien. Derzeit erhalten die Jungpferde zusätzlich noch 1-2 Mal täglich Kraftfutter ink. Hanfsamen für das Immunsystem.

Falco Vulkan (*2014)

STK: 1,59 m

Falco steckt gerade wieder in einem Wachstumsschub und ist hinten überbaut. Seine Kruppe ist rund/herzförmig und die Innenschenkel liegen aneinander. Die Rippen sind nicht zu sehen aber mit Druck zu erfühlen. Seine Haut ist leicht verschiebbar. Hals, Widerrist und Rücken laufen ineinander über. Am Mähnenkamm hat er ca. 6 cm Fettpolster. Der dorsale Hüfthöcker ist leicht prominent. Der Rücken hat keine Kanten aber auch keine Fett-Furchen. Im Gesamteindruck passt Falco in Skala 5-6 und ist genau richtig. Im Sommer geht er eher in Richtung 6-7.

Falco lebt im Offen/Aktivstall mit anderen Hengsten und Wallachen. Ist wurmfrei und bekommt ca. 20 kg Heu/Tag plus Mineralien. Derzeit erhalten die Jungpferde zusätzlich noch 1-2 Mal täglich Kraftfutter ink. Hanfsamen für das Immunsystem.

Gründe für mangelhaften Ernährungszustand

Ist ein Pferd laut Skala zu dünn, so muss zunächst nach den Gründen hierfür gesucht werden. Ist ausreichend Rauhfutter vorhanden, so kann es vielfältige Gründe für Abmagerung oder Gewichtsverlust geben. Beispielsweise:

  • Verwurmung: gerade Jungpferde leiden häufig unter Verwurmung. Ggfs. empfiehlt sich eine Kotprobe und sachgemäße Entwurmung durchzuführen.
  • Selen-, Zink-, Mangan-Mangel: unzureichende Zufuhr von Mineralien können ebenfalls zu Gewichtsverlust trotz ausreichender Fütterung führen.
  • Stoffwechselerkrankungen: ist etwas mit dem Stoffwechsel nicht in Ordnung, so kann auch dies zu Gewichtsverlust führen. Gleichzeitig kann dies aber auch der Grund für Übergewicht sein (z.B. EMS).
  • Zahnprobleme: ein Pferd mit Zahnproblemen baut stetig ab.
  • Rekonvaleszenz: war das Pferd krank bzw. hatte womöglich eine OP, so kann dies ebenfalls zu Gewichtsverlust führen.
  • Parasiten: neben Würmern können auch andere Parasiten wie Haarlinge, Läuse etc. zum Abbau führen.
  • Schmerzen: ist ein Pferd verletzt oder hat Schmerzen so kann sich dies auch auf das Gewicht auswirken.
  • Stress: egal aus welchem Grund- Stress belastet auch Pferde und kann sich mit Gewichtsverlust äußern.
  • Alter: einige Pferde werden im Alter schwerfuttrig bzw. bauen ab.
  • zu viel Kraftfutter: zu viel und falsches Kraftfutter kann genau den Gegenteiligen Effekt haben als gewünscht. Hier sollte lieber die Raufutterration erhöht werden.
  • Harte Winter: insbesondere Pferde in Robusthaltung haben mehr mit Wetterbedingungen und harten Wintern zu kämpfen. Thermoregulation baut Fett ab. Hier muss ggfs. die Futterration um 10-20% erhöht werden.

Nimmt ein Pferd stark ab oder nicht mehr wirklich zu, sollte man in erster Linie ein großes Blutbild mit Überprüfung der Spurenelemten veranlassen. Darauf wird dann die Fütterung abgestimmt und es kann optimal supplementiert werden für den Bedarf, der auch wirklich besteht. Das Blutbild zeigt auch, ob eine Entzündung oder sonstige Erkrankugen z.B. von einzelnen Organen vorliegt bzw. wie es um den Stoffwechsel des Pferdes bestimmt ist. Pferde, die im Sommer schon eher in Skala 4 passen, werden im Winter eher deutlich abbauen. Daher fressen sich Pferde in der Natur bereits über den Sommer sozusagen Winterspeck an, von dem sie zehren können.

Noch eine Anmerkung zur Rekonvaleszenz. Pferde zeigen Schmerzen und Mangel immer erst sehr spät. Wenn zum Beispiel ein Pferd sehr lange unter Parasiten gelitten hat, dann dauert auch die Phase der Rekonvaleszenz deutlich länger. In schweren Fällen kann diese Phase bis zu 3 Monaten dauern. Hier gilt es Geduld zu bewahren und nicht mit der Genesungszeit nach einer Grippe bei Menschen zu vergleichen.

Schwerwiegende Folgen hat allerdings Übergewicht bei Pferden. Hier kann der Stoffwechsel und die gesamte Gesundheit des Pferdes langfristig kaputt gehen. Hufrehe, Cushing, EMS und Schäden an Gelenken und Sehnen sind nur einige Beispiele dafür, was Pferden mit zu viel auf den Rippen droht. Wie immer ist der goldene Mittelweg genau richtig und verhilft zu einem gesunden Pferdeleben.

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